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Wikingerwelten Band II

 

7. Der Araber und der Seekönig

 

 

I

n Rom und der christlichen Welt schrieb man das Jahr 921 anno Domini, als ein Schiff von orientalischer Machart, aus dem Kaspischen Meer über den Fluss Wolga kommend, im Hafen der Chasarenstadt Etil festmachte.

Hier wollte der Schiffsführer seine Vorräte auffüllen, denn die Reisenden waren Gesandte des Sultans von Bagdad und befanden sich auf dem Wege zu einer Audienz mit einem Fürsten der Bulgaren. Die Fremden aus dem Orient wurden in Etil freundlich aufgenommen und bezogen in der Stadt Quartier. Hier wollten sie sich von den Strapazen ausruhen, um die Reise schnellstmöglich fortzusetzen. Doch da geschah es, dass der Anführer der Araber, ein junger Scheich, bei einem Ausritt in die Steppe vom Pferd stürzte und sich dabei schwer verletzte. Der mitreisende Medizingelehrte und Astrologe des Scheichs, mit Namen Ahmed Ibn Fadlan, riet seinem Herrn dringend von einer weiterfahrt ab und alle Berater des Gesandten befürworteten diese längere Reiseunterbrechung. So genoss man den Aufenthalt in der gut befestigten Chasarenstadt, der sicherlich mehrere Wochen andauern würde.

Als der Heiler dann endlich sein Einverständnis zur Weiterreise gab, drangen aber beunruhigende Berichte nach Etil. Nicht weit der Stadt, so lautete die Kunde, seien die Schiffe einer Wikingerflotte gesichtet worden und die Waräger, wie die schwedischen Seekrieger hier im Osten genannt wurden, waren weit gefürchtet. Viele hatten sich an den Gestaden des Kiewer Reiches und anderer Küstengebiete der Ostsee angesiedelt und brachen nun von dort, über die Flüsse des Landes, immer weiter nach Osten zu ihren Raubfahrten auf. Der Ruhm und vor allem die Berichte über die Schreckenstaten dieser blutrünstigen Krieger aus dem Norden, waren sogar schon bis nach Bagdad vorgedrungen.  

Die Waräger hatten ihre Schiffe am Ufer der Wolga an Land gezogen. So schnell wie die Kunde ihrer Ankunft, so schnell verbreitete sich auch der Name des Anführers der gefürchteten Seekrieger in den Städten und Dörfern zu beiden Seiten des Wolgastrandes. Es war der Seekönig Gorm, den man den Wolf nannte. Sein besonders rotes Haar glich, im Schein der Sonne, einem lodernden Feuer und sein übler Ruf eilte ihm voraus. So wuchs die Angst der Menschen, denn die Überfälle der Nordmänner waren in dieser Gegend nicht ungewöhnlich und ein jeder wusste was ihn erwartete, würden die Waräger losschlagen. Nicht mehr als ihre Anzahl und die dicken Mauern ihrer Städte, hatten die Steppenbewohner den groß gewachsenen, meist hellhaarigen Kriegern entgegen zusetzen. Axt und Schwert beherrschten die Fremden wie kaum ein anderes Kriegervolk. Speer und Pfeil verfehlten selten ihr Ziel und ihr Mut, sowie die Todesverachtung waren ihre besten Waffen. Natürlich gab es Nordleute, meist Dorfbewohner, die nur selten auf Raubfahrten gingen, da sie Bauern waren. Doch die Seekönige, die mit ihren Flotten von Küste zu Küste zogen, die auf den Flüssen weit in das Landesinnere segelten, waren grausame Piraten und verbreiteten viel Unheil. Nicht einmal die Stromschnellen des Dnjepr hielten sie auf, wenn sie von reicher Beute erfuhren. Weit zogen sie dann ihre Schiffe über hölzerne Stämme auf dem Land, bis sie wieder einen schiffbaren Fluss erreichten, der sie zu den reichen Städten führte. Überraschend erschienen sie dann vor den Toren, um die Städte und Handelplätze zu plündern. Gab es kein wehrhaftes Heer, das zum Schutz der Stadt diente, krähte schnell der rote Hahn auf den Dächern. Tod und Verderben brachten die Waräger dann in Windeseile über sie. Und jeden, der nicht schnell genug die Flucht ergriff, schlugen sie mit ihren Schwertern und Äxten nieder. Weiber wurden vergewaltigt und viel Volk schleppten die Nordmänner in die Sklaverei oder auf den Opferaltar.  

 

Ein solch grausamer Seekönig war Gorm der Wolf. Schnell hatten seine Männer die Zelte errichtet, die Feuer entzündet und an geeigneter Stelle das große Lager erbaut.

Das Banner des Seekönigs, das gerade noch am Mast des Drachenschiffes wehte, flatterte nun über dem großen Zelt des Anführers. Hinter den Mauern der Stadt aber, saß der Chasarenfürst und beriet sich mit seinen Vertrauten, was zu tun sei, um einen Angriff der wilden Krieger abzuwenden. Denn obwohl Etil gut befestigt war, zweifelte doch niemand daran, dass es den Warägern gelingen würde in die Stadt einzudringen.

Doch die Tage vergingen und zur Verwunderung aller erfolgte kein Angriff und die Späher berichteten davon, dass die Nordmänner an jedem Abend zwar wild feierten, aber keine Vorbereitungen für einen Kampf trafen. Betrunken vergnügten sich die Kerle mit ihren Weibern, die sie mit sich führten. Den Frauen der Hauptmänner, die mit ihren Gemahlen segelten und natürlich den vielen Sklavinnen.

Auch Gorm selbst hatte sein Weib Namens Gunhild und eine zweite Nebenfrau bei sich. Diese bewohnten mit den anderen Frauen in einem gesonderten Teil des Lagers, eigene große Zelte.

Heftiger Regen prasselte auf die Plane des großen Fürstenzeltes nieder, als Gorm seine Hauptleute zur Beratung rief. Es waren sechs stattliche Krieger, die nach und nach in das Zelt traten. Als alle versammelt waren, schickte Gorm seine Frauen hinaus und ein Blick des Jarls Ingmar, den man den Zornigen nannte, traf den der Herja, die die Zweitfrau des Gorm war. Und der Hauch eines Lächelns huschte über das windgegerbte Gesicht des rauen Kriegers.

„Es ist an der Zeit nach Känugard[1] weiter zu ziehen, denn dort will ich dem Fürsten dieses Reiches meine Aufwartung machen.“ Da bereitete Jarl Ingmar seinem Beinamen alle Ehre. „Nach Känugard soll uns der Weg führen!“ rief er erzürnt. Seine blauen Augen glänzten und sein wütender Widerstand gegen den Seekönig war laut und heftig.

„Mich dürstet es nach Gold und Silber, nicht nach einem weichen Bett!“ Er sah die anderen Jarle fordernd an und hoffte auf ihren Beistand. „Ein paar Ziegen sind keine Beute für einen Raubzug. Ich will als reicher Mann in das Nordland zurückkehren!“ Die Anwesenden nickten, sahen ihren Anführer streng an und ließen keinen Zweifel daran, dass sie der gleichen Meinung wie Ingmar waren.

„Von der Stadt Miklagard[2] sprach mein Vater Rhörik und riet mir zu dieser Wikingfahrt. Ich hoffte, dass dies unser Ziel sein wird, Gorm! Eine Stadt, reich und angefüllt mit Schätzen des Orients. Mit dicken Mauern zwar, aber nicht uneinnehmbar“, schwärmte der Seekrieger. „Von einem mutigen König geführt, sollen unsere Schiffe von dort voll beladen nach Nordland heim segeln!“

Da erhob sich Gorm wütend und fuhr Jarl Ingmar über das Maul. „Wirfst du mir etwa Feigheit vor, Ingmar?“ rief nun Gorm erbost und konnte nur mit Mühe von den anderen Jarlen zurück gehalten werden. „Hüte deine Zunge oder ich lasse sie herausschneiden und stecke sie dir in deinen Arsch!“ Dann wandte er sich den anderen Hauptleuten zu und sprach nun in ruhigerem Tonfall. „Auch ich will einmal nach Miklagard. Doch noch nicht jetzt, da unsere Flotte noch zu schwach ist, als das wir die Stadt nehmen könnten. Der Fürst von Känugard aber hat, wie ich hörte, viele Waräger in seiner Gefolgschaft. Er gab ihnen Land und nun sind sie seine Untertanen.“ Er sah Ingmar versöhnlich an und sprach: „Glaube mir, auch mich dürstet es nach Silber und Gold. Und beim Odin, unsere Flotte wird wachsen!“ König Gorm nahm wieder auf seinem, mit Drachen- und Schlangenschnitzereien verzierten Hochstuhl platz.

„Nach Känugard also“, sagte er bestimmt und nahm den Männern die Entscheidung ab. „Wenn der Mond seine volle Rundung erreicht!“ Die Jarle nickten und stimmten ihrem König zu. Außer Jarl Ingmar, der schaute finster drein, als er das Zelt seines Gefolgsherrn verließ. Kaum waren die Warägergrafen gegangen, trat ein Weib vor den Hochstuhl des Seekönigs. Sie war groß und kräftig gewachsen und zählte schon mehr als vierzig Sommer und Winter.

„Thorhild!“ „Was willst du?“ fragte Gorm streng. „Ich habe dich nicht rufen lassen.“

„Ich bin die Heilerin, das Totenweib und deine Seherin. Wenn die Götter mit mir sprechen, so trete ich vor meinen König“, sprach die Frau frech und mit sichtlich fehlendem Respekt. „Dein Nebenweib Herja“, sagte sie erst leise, als hätte sie ein Geheimnis zu verkünden, um dann mit gewaltiger Stimme fortzufahren, „sie spreizt für einen anderen ihre Beine und hat das Zelt des Nebenbuhlers betreten!“ Da wurde Gorm hellhörig. „Was sprichst du da, Seherin? Dies ist eine schwere Anschuldigung!“

„Ich sah keinen Beweis dafür. Doch die Knochen sagen es!“

„Du hast dies aus ein paar alten Gebeinen gelesen?“ Gorm wurde böse. „Willst du den Zeichen der Götter keinen Glauben mehr schenken, König Gorm?“ fragte die Seherin forsch. „Du musst sie auf die Probe stellen. Soll sie ihre Unschuld in kochendem Wasser beweisen!“ Der König lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und nickte. „Doch noch mehr sah ich! Seekönig Gorm, hüte dich vor den Deinen! Odin dürstet es nach deiner Gesellschaft!“

„Was redest du da, Weib?“ sprach der Warägerkönig immer noch verärgert, doch seine Gedanken schienen längst nicht mehr bei den Worten der Seherin zu sein.

„Die doppelschneidige Axt der Hel sah ich über deinem Haupt und die Knochen zeigen einen falschen Freund an deiner Seite, Herr!“ 

Da sprang der Wikingerfürst von seinem hölzernen Thron auf und stürmte aus seinem Zelt hinaus ins Freie. Mit schnellem Schritt, begab er sich zu dem Zelt, das seine Frauen bewohnten. Er riss die Plane beiseite und Gunhild seine Gattin sah ihn erstaunt an, doch trat Gorm vor Herja die sofort von der Liege hochfuhr, auf der sie saß und ihr schönes, langes Haar kämmte. „Du Weib!“ rief er zornig. „Sage mir hier vor der Gunhild. Ist es wahr, das du dich einem anderen Kerl hingegeben hast?“ Ein stechender, fragender Blick bohrte sich in das Antlitz des jungen Weibes. Doch die hellblauen Augen der Frau, die von der Göttin Freya mit besonderer Schönheit beschenkt worden war, hielten dem Blick ihres Herrn und Gatten stand. Aber sie blieb stumm, wie ein Fisch. Da trat Gorm dem Weib ganz nah, so das sich ihre Nasen fast berührten. „Es wird dir Ehebruch vorgeworfen“, sagte er mit zusammen gekniffenen Augen. „So werde ich dich auf die Probe stellen, Herja!“

Das Gesicht der Schönen wurde bleich, doch sie schwieg beharrlich. Wütend verließ der König das Frauenzelt und rief nach einem der Wächter. „Suche mir einen zweiten Seher“, befahl er barsch. „Wenn die Weissagung der Thorhild stimmt, muss ein anderer Seher sie mir bestätigen können!“

 

Am späten Morgen des nächsten Tages, kam der Wächter in das Zelt des Königs. „In der Stadt, nicht weit von unserem Lager, weilt ein Sternenkundiger aus dem Orient, so sagt man“, berichtete er mit wenigen Worten und der König verlangte sofort nach einem Pferd.

Die Sonne stand bereits im Zenit und brannte heiß, als die Nordmänner in wilder Hast über das Steppenland ritten und das Tor der Stadt Etil passierten, noch ehe die Wächter dies schließen konnten. Voller Angst verschwanden die Bewohner in ihren Häusern und verriegelten die Türen gut, auch wenn dies nur eine Handvoll Nordmänner war, die in ihre Stadt kam. Da gelang es den Kriegern einen der fliehenden Chasaren aufzuhalten. Doch anstatt ihm ein Leid anzutun, warf der Anführer der Reiter dem Mann ein Goldstück entgegen. „Wo finde ich den orientalischen Seher?“ Der Mann sah den Wikinger zuerst fragend an, doch dann verstand er. „Den arabischen Heiler suchst du, Herr! Die Gesandtschaft aus Bagdad kam vor einiger Zeit,  hier an und es soll auch ein Sternenkundiger und Heiler bei ihnen sein.“ Der Chasare führte die Nordmänner zu der Herberge, in der der Araber abgestiegen war und machte sich dann schleunigst aus dem Staube.

Es dauerte auch nicht lang und der Wirt der Herberge kam mit zwei Männern in orientalischer Kleidung die Stiege hinab in den Schankraum, nachdem ihm Gorm befohlen hatte den arabischen Heiler herbeizuschaffen.

„Ich bin Gorm, den man den Wolf nennt“, sprach der rothaarige Seekönig mit Stolz in seiner rauen Stimme. „Bist du der orientalische Seher?“

Der eine Araber, seine Kleidung war bei weitem nicht so vornehm wie die seines Begleiters, begann die nordischen Worte zu übersetzen und der Mann, der offensichtlich sein Herr war, sah Gorm freundlich an und nickte. Dann sagte er etwas in einer Sprache die Gorm nicht verstand. Dabei legte er sich seine Hand zuerst auf seine Brust, dann küsste er sie und führte sie dann auf die Stirn. „Mein Herr grüsst dich, Gorm“, sprach der Diener lächelnd. „Dies ist Ahmed Ibn Fadlan, der Leibarzt und Seher eines Gesandten des Sultans von Bagdad!“

„Womit kann mein Herr dir zu Diensten sein, König der Waräger?“ fragte der Diener in nordischer Sprache.

„Wenn dein Herr wirklich ein Seher ist, so kennt er mein Anliegen bereits“, sagte Gorm listig und der Diener begann zu übersetzen, doch Ibn Fadlan hieß ihn mit einem Wink zu schweigen. „Dich interessiert die Treue einer Frau. Du willst von mir wissen, ob deine Nebenfrau für einen anderen ihre Beine spreizt!“ Erstaunt sahen sich Gorm und seine Begleiter an. Nicht nur das die Worte des Arabers der Wahrheit entsprachen, sie zeigten auch, das er sehr wohl der Sprache der Nordmänner mächtig war. Zwar ließ die Aussprache des Orientalen sehr zu wünschen übrig, doch bewies es, dass er die Männer verstand. Bevor Gorm etwas sagen konnte, fuhr der arabische Sternenkundige fort. „Es gibt Wichtigeres um das du dich Sorgen solltest, Seekönig Gorm!“ Freundlich und doch mit festem Blick sprach Ibn Fadlan weiter. „Dein Leben ist in Gefahr und der Feind ist einer der Deinen!“

Da entfuhr Gorm ein tiefes, grollendes Lachen. „Du bist Wirr, Araber“, sprach er abfällig. „Die Sterne lassen dich Falsches sehen. Ein jeder dieser Waräger hat mir Treue und Gefolgschaft geschworen!“ Ein finsterer Blick traf die Gefährten an seiner Seite. „Oh nein! Von ihnen droht mir keine Gefahr. Was bist du für ein dürftiger Seher“, sprach er voller Verachtung, doch ein Zittern in seiner Stimme verriet seine Bedenken. Überheblich warf er einige Münzen auf den staubigen Boden und verließ mit seinen Männern die Herberge.

Es war finstere Nacht geworden und viele der Wikinger hatten sich um ein großes Feuer versammelt. Sie saßen und lagen auf dem Boden und hatten es sich bequem gemacht, während der Skalde Thorir, der etwas erhöht auf einem Stein saß, einige Sagas zum Besten gab. Von den Heldentaten des Beowulf aus dem Götland erzählte er, der den Troll Grendel besiegte und er sprach auch von Ubbe und seinen Brüdern, die die Söhne Ragnar Lodbroks waren und auf der Insel der Angelsachsen viel Land erkämpften, das sie Danelag nannten. Doch König Gorm stand nicht der Sinn nach Heldensagen, denn die Worte des Ibn Fadlan beschäftigten ihn mehr, als er sich eingestehen wollte. An diesem Abend blieb er in seinem Zelt und verbot es, bei Strafe, gestört zu werden.

 

*

 

Von der gegenüberliegenden Seite des Wolgaufers, aus den großen Sümpfen, zog dichter Frühnebel in das Lager der Waräger. Langsam schob sich die Sonne in der Ferne über den Rand der kaukasischen Berge, tauchte die Steppe in ein rotes Licht und das Leben des anbrechenden Tages, verdrängte die Ruhe der Nacht aus dem Lager der Wikinger. Die Wachen wurden abgelöst und vor den Zelten wurden die erloschenen Feuer neu entfacht. Frauen liefen nun umher, holten Wasser und begannen das Frühmahl herzurichten. Immer mehr Menschen traten ins Freie, um den Morgen, mehr oder weniger freundlich zu begrüßen. Einige von ihnen, Frauen wie auch Männer, entledigten sich ihrer Kleidung und wateten, an einer flachen Stelle, in das Wasser der nahen Wolga, um sich zu waschen.

Vor dem Zelt der Frauen des Seekönigs Gorm, standen zwei Wachposten, denn der Herr hatte nur der Gunhild erlaubt, das Zelt zu verlassen. Herja aber war nun eine Gefangene ihres Gemahls.

Die junge Frau hatte nur wenig geschlafen, denn die Angst vor der Wasserprobe hatte ihr lange die Ruhe geraubt. Und wenn es ihr endlich einmal gelang in Schlaf zu fallen, so überkamen sie grausige Albträume. Als wäre die Wasserprobe nicht schon Leid genug, erwartete sie eine noch viel schlimmere Qual, wenn sich das Gottesurteil gegen sie wandte. Als sie noch ein Kind war, hatte sie einmal miterlebt wie ein Weib, das des Ehebruchs überführt war und zum Tode verurteilt, mit gefesselten Gliedern in den Sumpf geführt wurde. Immer noch hallten in ihrem Gedächtnis die gellenden Schreie der Unglücklichen, als diese langsam im Moor versank. Ihr ängstliches Weinen, das zu einem Wimmern wurde, um dann in einem Gurgeln zu ersterben.

Es war schon fast zur Mittagszeit, als das Hornsignal Herja aus einer Art Dämmerschlaf riss. Die zwei Krieger traten in das Zelt und zerrten die junge Frau ins Freie. Die Sonne schien und Herja kniff ihre geröteten Augen zusammen, da sie das grelle Licht schmerzte. Ihr sonst so schön gepflegtes und langes Lockenhaar, hing ihr zerzaust über die Schultern herab. Ihr Gesicht war bleich und dunkle Ränder unter ihren Augen, zeugten von Schlaflosigkeit und Angst.

Thorhild die Seherin des Gorm, die auch das Totenweib war, trat neben Herja und riss diese, am Arm haltend, mit sich. Vor dem Zelt des Seekönigs Gorm, stand dessen Hochstuhl und der Anführer der Waräger hatte darauf platz genommen.

„Hier ist das Weib dem vorgeworfen wird, dich mit einem anderen Mann betrogen zu haben!“ rief die kräftige Thorhild laut aus und stieß Herja unsanft vor den Thron ihres Gemahls. „Die Götter zeigten mir, dass sie das Lager mit einem anderen teilte!“

Mit einem Wink gab König Gorm das Zeichen und zwei kräftige Kerle schleppten einen großen, eisernen Topf herbei. Vorsichtig taten sie dies, auf das sie nichts von dem Inhalt verschütteten, denn noch brodelte das Wasser in dem Topf, der gerade noch auf dem lodernden Feuer gestanden hatte. Sie stellten den ehernen Kessel vor ihrem König ab und dieser erhob sich. „Noch einmal frage ich dich, hast du dich einem Kerl hingegeben, Herja?“ rief er, so dass die große Menge der Umstehenden seine Worte gut vernehmen konnten. Doch Herja schwieg!

„Dann sollen die Götter uns die Wahrheit zeigen. Bist du Unschuldig, so wirst du die Probe unbeschadet überstehen!“

Da trat Herja an den Kessel. Stumm und ohne jede äußerliche Regung tauchte sie ihre Arme in das kochende Wasser. Gespannte Stille lag über der Menge der Schaulustigen und erst als Gorm das Zeichen dafür gab, zog die junge Frau, deren Gesicht kreidebleich geworden war, die Arme aus dem Kessel. Die gerade noch weiche, gepflegte Haut des schönen Weibes, war von großen Blasen bedeckt und hing zum Teil schon in Fetzen von den Armen herab. Ihre zarten Hände waren zu Klumpen roten, gekochten Fleisches geworden. Für einen kurzen Moment sah sie Gorm an und sackte dann auf die Knie. Ihr Kopf neigte sich langsam auf die Brust und sie war ohne  Besinnung. Das Totenweib zeigte auf ihre Arme. „Das ist der Beweis!“ rief sie hämisch aus.

„Du elendes Hurenweib! Sollen dich die Sümpfe verschlingen!“ rief Gorm wütend und trat vor die, auf dem Boden kauernde Frau. „Schafft sie fort und ersäuft sie im Moor!“

Da trat Jarl Ingmar aus der Menge und mit ihm einige seiner treuen Krieger. „Was willst du für sie haben, Gorm?“ brüllte er dem König entgegen. „Ich zahle dir einen guten Preis, wenn du sie mir überlässt!“

Gorm der Wolf sah den Jarl verwundert an, beugte sich seinem Gesicht entgegen und zischte mit verbissenem Antlitz. „Hast du nicht gehört? Sie geht in den Sumpf!“

„Ich will sie“, beharrte Jarl Ingmar trotzig.

„Bist du gar der Kerl, in dessen Zelt sie war?“ fragte der König zornig, wandte sich ab und ging einige Schritte. Doch noch einmal drehte er sich zurück. „Ingmar! Erbärmlicher Verräter und ehrloser Weiberheld!“

Da hob Jarl Ingmar seinen Speer und ließ diesen fliegen. Die scharfe Spitze bohrte sich Gorm tief in die Brust und die Krieger um Ingmar traten mit gezogenen Schwertern auf die Männer des Seekönigs zu. Doch zu sehr waren sie von dem Angriff überrascht worden und keiner erhob seine Waffe, denn der Schock saß tief. Stattdessen nahmen sie den Blut spuckenden König vom Boden auf, brachten ihn in sein Zelt und legten ihn auf sein Schlaflager. Auch Königin Gunhild steckte der Schreck in den Gliedern und sie hatte bei der Tat aufgeschrieen, doch nun führte sie die Männer an, die ihren Gemahl trugen. Eilig schickte sie einen Boten nach Etil, denn sie hatte ihren Mann von dem arabischen Heilkundigen reden hören. Als der Krieger sein Pferd vor der Herberge des Arabers zügelte, dampfte der Schweiß auf dem Fell des Tieres und auch der Reiter war erschöpft, von dem wilden Ritt. Doch der orientalische Arzt sprach voller Ruhe. „Du kommst zu spät! Dein Herr ist zu seinen Göttern gegangen!“

„Woher willst du das wissen? Los eile dich!“ befahl der Bote. Doch Ibn Fadlan rührte sich nicht. „Glaube mir, dein Herr ist tot!“

Argwöhnisch und mit Unglaube in seinem Gesicht, sah der Bote den Seher und Heiler an und dieser sprach: „Du kannst nichts daran ändern, doch ich werde dich in euer Lager begleiten. Meine Hilfe wird benötigt und ich will deinem toten König diese letzte Ehre erweisen!“

Als der ausgesandte Krieger und seine Begleiter das Lager der Waräger erreichten, herrschte eine gespannte, ja fast feindselige Stimmung und nur die Vertrauten des Jarls Ingmar liefen mit ihren Waffen umher und kontrollierten das Wik. Das Königsbanner auf dem Zelt des Gorm war verschwunden und es zeigte sich, dass Jarl Ingmar nun das Wort führte.

Kaum hatten sie ihre Pferde gezügelt, da trat auch schon ein Wächter auf die Ankommenden zu. „Bist du der arabische Heiler?“ fragte er Ibn Fadlan, der natürlich leicht an seiner orientalischen Kleidung zu erkennen war. Dieser nickte und schwang sich aus dem Sattel. Da wies ihm der Krieger den Weg zum Zelt des Jarls Ingmar. „König Gorm ist tot! Er braucht deine Hilfe nicht mehr“, sagte er streng, „doch der Jarl verlangt nach dir:“

Als der Araber und sein Diener das Zelt des Ingmar betraten, zwei Wächter gewährten ihnen Einlass, lag die schöne Herja leise wimmernd und zitternd auf dem Schlaflager des Wikingergrafen und Ingmar selbst, saß auf einem Schemel an ihrer Seite. Mit einem Tuch tupfte der kräftige und jähzornige Mann dem jungen Weib vorsichtig und fast liebevoll den Schweiß von der Stirn. Er sprang auf als er den Araber erblickte. „Wenn du dieses Lager lebend verlassen willst, dann heile sie Araber“, drohte der Jarl unverhohlen, doch Ibn Fadlan behielt die Ruhe und zeigte keinerlei Angst. Er verbeugte sich leicht zur Begrüßung, sah auf das Weib herab und lächelte. Dann gab er seinem Diener einige Anweisungen in arabischer Sprache und dieser verließ das Zelt, um wenig später mit dem Reisebeutel des Arztes zurückzukehren. „Herr der Waräger“, sprach dieser zu Ingmar und seine Worte klangen beleidigt. „Ich bin ein Heiler und es ist mein Begehr den Kranken und Hilfsbedürftigen zu helfen. So auch diesem Weib!“ Immer wieder übersetzte der Diener die Worte seines Herrn, die dem Ibn Fadlan in nordischer Sprache nicht bekannt waren. Doch Ingmar verstand den Mann auch so gut genug und er sah ein, dass seine Drohungen nicht von Nöten waren. Langsam nickte er zustimmend. Da gab der Arzt seinem Diener den Befehl frisches Wasser herbeizuschaffen, wühlte in dem Beutel und holte Töpfchen und Salbentiegel, sowie sauberen Verbandstoff hervor. In einem hölzernen Becher begann er einen Trank zu rühren, den er dem Weib langsam in den Mund träufelte. Und schon kurz darauf, verstummte das Wimmern der Verletzten und ihr Körper entspannte sich. Der Trank, der die Schmerzen lindern sollte, zeigte seine Wirkung und als Ingmar der Zornige sah, dass die Heilkräfte des Arabers groß waren, trat er neben den Mann aus Bagdad und legte diesem die Hand auf die Schulter. „Sehe dich als meinen Gast, Ibn Fadlan. Du sollst nicht länger mein Gefangener sein!“

Der arabische Diener übersetzte die Worte des Warägers und der Heiler lächelte freundlich, doch ließ er sich in seinem Tun nicht unterbrechen. Mit dem Wasser und einem Tuch tupfte er die Wunden ab, mischte Salben und Tinkturen und rieb damit die gekochten Hände und Arme des Weibes ein. Danach umwickelte er diese sorgsam mit dem Verbandstoff. Als die Arbeit vollbracht war, war die schöne Herja eingeschlafen. „Der Schlaf und die Ruhe werden die Heilung vorantreiben“, sprach Mohamed Ibn Fadlan und trat dann aus dem Zelt des Jarls. Da sah er, dass sich wieder eine große Menschenschar vor dem Zelt des toten Königs eingefunden hatte. Fragend schaute er den Jarl an, der ihm aus dem Zelt gefolgt war. „Was geht da vor sich?“ fragte der Fremde neugierig. „Warte ab und sieh“, bekam er zur Antwort. Die Sklavinnen des Gorm mussten sich vor dem Zelt ihres Herrn in eine Reihe stellen. Dann trat Thorir der Skalde vor sie und rief: „Wer von euch wird seinen Herrn begleiten? Wer will mit ihm gehen?“

Es herrschte Totenstille in der Menge vor dem Zelt und auch in der Reihe der Sklavinnen. Da wiederholte der Skalde seine Frage nach einem freiwilligen Opfer. Doch niemand rührte sich. Anscheinend hatte keine der Sklavinnen ihren Herrn so geliebt, dass sie ihm in das Totenreich folgen wollte. Wieder sah der Araber den Jarl fragend an. Doch dieser wies nur stumm mit dem Finger zum Geschehen vor dem Totenlager des Königs. Nun traten das erste Weib des Gorm, Königin Gunhild und das Totenweib Thorhild vor die Sklavinnen. Für einen Moment verharrten sie, bis Gunhild auf eine junge Sklavin mit langen, dunklen Zöpfen wies. Diese erschrak und ihr Gesicht wurde bleich. Sie war eine der Konkubinen des Königs gewesen und nun sollte sie ihren Herrn in eine andere Welt begleiten.

Sofort trat die kräftige Thorhild vor, ergriff das Weib und nahm sie mit sich. Da kreischte die Sklavin und wehrte sich, doch alles ziehen und zerren half ihr nicht gegen die Kraft der Thorhild.

Mohamed Ibn Fadlan, der die nächsten Tage als Gast des Jarl Ingmar im Lager der Waräger verbrachte, konnte er doch so die Heilung der Herja gut überwachen, sah das auserwählte Weib nun immer wieder zwischen den Zelten umherlaufen. Doch stets war sie in der Begleitung zweier kräftig gebauter Frauen, die die Töchter der Thorhild waren und es fiel dem arabischen Gast auf, dass sie sehr betrunken war. Sie kicherte albern und trat ungebeten in die Zelte ein. Doch niemand war ihr Gram. Im Gegenteil! Alle gaben ihr noch mehr zu trinken und baten sie, ihre Grüße an den König zu überbringen.

Dem Araber war das Gastrecht des Jarls nicht unangenehm, interessierte ihn der Vorgang im Lager doch sehr. So sehr, dass er begann, die Geschehnisse in seinem Reisetagebuch nieder zu schreiben. Die Genesung der Herja machte gute Fortschritte und Ingmar war zufrieden mit dem Heiler. Er behandelte den Fremden freundschaftlich und duldete ihn jederzeit in seiner Nähe. Auch gab Jarl Ingmar ihm willig  auf seine Fragen Auskunft und so erfuhr der Heiler, dass Met und Bier dem Weib verabreicht wurden, um ihr die Angst vor dem Tode zu nehmen. Und dieser Zustand, sollte sich auch nicht mehr ändern.



[1] Känugard – Wikingername für Kiew

[2] Miklagard – Konstantinopel