Wikingerwelten Band I
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I |
m Spätsommer des Jahres 985 n. Chr. war Bjarni von einer langen Handelsfahrt nach Norwegen, an die Küste der Eisinsel zurückgekehrt. Stolz darüber gute Geschäfte getätigt zu haben, begab er sich auf den Hof seines Vaters Herjulf. Doch dort musste er feststellen, dass seine Eltern die isländische Heimat verlassen hatten, denn sie waren dem Ruf Erik Thorvaldssons gefolgt, der den Beinamen der Rote trug. Dieser war einmal ein Nachbar gewesen und wegen eines Totschlags, den er einige Sommer zuvor begangen hatte, von einem Thinggericht für drei Jahre von Island verbannt worden.
Den Erzählungen eines gewissen Gunnbjörn folgend, der im Westen ein grünes Land gesichtet haben wollte, war Erik der Rote diese Route gesegelt. Und der jähzornige Wiking hatte das Land des Gunnbjörn wirklich gefunden, das er fortan Grönland nannte. Die drei Jahre seiner Verbannung, verbrachte er in dem neuen Land, erkundete es und erbaute seinen Hof, den er Brattahlid nannte. Doch als die drei Jahre vergangen waren, begab sich Erik noch einmal nach Island, um dort Menschen zur Auswanderung zu überreden. Und er fand auch genügend Leute, die bereit waren ihm zu folgen. Denn Island war eine karge Insel und die Hoffnung der Menschen auf fruchtbares Land war groß. So verließ er im Frühsommer des Jahres 985 mit fünfundzwanzig Schiffen erneut die Eisinsel. Doch nur vierzehn Schniggen und Knarren der Flotte, gelang die gefährliche Überfahrt. Mit den Auswanderern in Grönland angekommen, gründete Erik Thorvaldsson die Ostsiedlung, die er ganz in der Nähe seines Hofes erbaute. Den Erzählungen und Versprechungen des Thorvaldsson erlegen, hatte sich auch der Bauer Herjulf zur Auswanderung entschlossen und war dem Ruf Eriks des Roten nach Grönland gefolgt.
Da blieb Bjarni der junge Seefahrer den Winter über auf dem verwaisten Hof seiner Eltern, um dann im Sommer des nächsten Jahres noch einmal auf eine Handelsfahrt zu gehen. Doch nach seiner Rückkehr im Spätsommer des Jahres 986 n. Chr. rüstete er sein Schiff, das er Windross nannte, um endlich seinen Gesippen nach Grönland zu folgen.
„Du musst nach Westen segeln“, hatte man dem Bjarni Herjulfsson erzählt. „Segele westwärts bis du ein Land findest, dessen grüne Wiesen hinunter an die Ufer reichen. Dessen Hinterland aber gebirgig und vergletschert ist!“ Und so suchte sich Bjarni eine Mannschaft und stach in See.
*
Grau und bedrohlich zeigte sich der Himmel über dem Nordmeer und es sollte nicht mehr lange dauern, da würde der große Sturm ohne erbarmen losbrechen. Die Männer wussten dies, waren sie doch erfahren genug, um die Zeichen des Himmels und auch die des Meeres deuten zu können. Doch was sollten sie tun? Sie waren weit nach Westen gesegelt, hinaus in die offene See und nun gab es kein zurück mehr. Zu schnell türmten sich die dunklen Wolken zu unheilschwangeren Riesen über ihnen auf und es fielen auch schon die ersten Tropfen auf die Planken des Schiffes. Mit geblähtem Segel schoss das dickbauchige und doch schnelle Knarr westwärts und die Hoffnung der Männer war groß, auf eine Insel zu treffen.
Bjarni hatte die Ladung gut verzurren lassen und auf dem Deck lagen Seile, mit denen sich die Männer an das Schiff binden konnten, um nicht von den salzigen Wellen über Bord gespült zu werden. Zwei Männer stemmten sich in das Seitenruder, um das Windross auf Kurs zu halten. Doch je heftiger der Sturm wehte, umso machtloser waren die Steuermänner. Plötzlich brach das Unwetter mit all seiner Kraft über sie herein. Mit ihren riesigen Pranken warf Ran [1] die Meeresgöttin, das Knarr wie die Schale einer kleinen Nuss, auf den Wellen hin und her. Doch das Windross war ein gutes Schiff und es trotzte allen Versuchen der grausamen Göttin, es zwischen ihren nassen Fingern zu zerquetschen. Fast zwei volle Tage wütete Ran und die Männer hatte schon die Angst überkommen, durch ihr Netz in das Totenmeer gezogen zu werden. Doch dann schließlich beruhigte sich die See und es gelang dem Steuermann endlich wieder Herr über das Windross zu werden. Die Männer dankten dem Meeresgott Ägir [2] mit einem Opfer dafür, dass er sein wütendes Weib Ran beruhigt hatte.
Lange hatte Bjarni am Vordersteven gestanden und er starrte suchend hinaus auf die zerfurchte und aufgewühlte See. Dann trat der Schiffsführer auf den Heckstand und sah den Steuermann fragend an. „Was glaubst du, Njal? Wo sind wir?“
Der Steuermann zog die Schultern hoch. „Das weiß nur Ägir allein! Doch ich glaube, dass wir westlich an unserem Ziel vorbei gesegelt sind!“
Da schüttelte Bjarni entschieden den Kopf. „Oh, nein! Wenn dann hat der kräftige Sturm uns östlich an Grönland vorbei getrieben“, mutmaßte der Schiffsführer. „So muss das Land das wir suchen, also weiterhin im Westen liegen!“
Njal zog erneut die Schultern hoch. „Wenn du es sagst, Bjarni“, brummte er beleidigt, denn er war in seiner Seefahrerehre gekränkt. So segelte das Windross weiter nach Westen.
Die Tage vergingen ohne dass sie das gesuchte Land erreichten. Endlich hatte sich die See beruhigt, der Wind blies günstig aus Osten und trieb das Knarr schnell voran. Doch wie weit waren sie vom Kurs abgekommen? Bjarni Herjulfsson hatte die Hoffnung verlassen, das grüne Land des Erik Thorvaldsson, das er suchte, doch noch zu finden. Er wollte sein Schiff wenden, um zurück nach Osten zu segeln, dort wo seine Heimat Island lag. Vielleicht würde er ja im nächsten Sommer noch einmal versuchen, seinen Eltern zu folgen. Da ertönte plötzlich der Ruf des Mannes, der auf der Rahe saß. „Land voraus!“
Schnell näherte sich nun das Knarr der Küste und Bjarni und sein Stevenhauptmann Björn, standen voller Erwartung an der Reling. Doch je näher sie dem Ufer kamen, umso größer wurden die Enttäuschung und die Gewissheit, dass dies nicht das gesuchte grüne Land des Erik Thorvaldsson sein konnte. Diese Küste entsprach nicht den Beschreibungen, die man Bjarni gegeben hatte. Das Land war weder gebirgig, noch sahen die Seefahrer die Gletscher von denen man ihnen erzählt hatte. Stattdessen war dieses Land hügelig und die dichten, grünen Wälder reichten bis hinunter an die Ufer der See. Sicherlich ein gutes und fruchtbares Land, wie alle Männer an Bord befanden. Doch eben nicht das Grönland des roten Eriks.
Einen vollen Tag segelten sie noch die Küste entlang nach Norden, um die Siedlung der Auswanderer zu finden. Aber alles was sie sahen, waren riesige, dichte, dunkelgrüne Wälder! Bäume soweit ihre Blicke reichten! Holz in rauen Mengen, das es einem Schiffsbauer das Herz höher schlagen ließ. Hier konnte ein Mann sicher reich werden, doch dies war nicht ihr Ziel.
Ein wenig enttäuscht gab Bjarni den Befehl den Kurs zu ändern und so segelten sie nun in nordöstlicher Richtung, auf die offene See hinaus.
Und diesmal gelang es Ägir wohl, sein Weib Ran zu besänftigen, denn das Nordmeer blieb ruhig und den Seefahrern gewogen. Die Männer legten sich in die Riemen, so wie es Bjarni befahl und nach weniger als sechs Tagen erschallte erneut der Ruf des Mannes auf der Rahe.
Schon von weitem erkannten sie die mächtigen Gebirge und Gletscher, die sich weit in das Landesinnere erstreckten und hoch über die Insel erhoben. Und dann erblickten sie die grünen Wiesen, die zwischen den schroffen Felsen bis hinunter an die Küste reichten.
„Ja, das muss Grönland sein!“ rief Bjarni erfreut aus und die Männer jubelten. Sie segelten die Küste entlang nach Osten und schon bald fanden sie eine Bucht, die dem Herjulfsson geeignet als Heimstatt für Siedler erschien. Und tatsächlich entdeckten sie die Schiffe der Auswanderer auf dem Strand. Mit dem Signalhorn kündigte Bjarni die Ankunft des Windrosses an und der dunkle Ton, der ihnen wie ein Echo vom Land entgegen hallte bewies den Seefahrern, dass sie entdeckt waren. Voller Freude liefen die Bewohner der Ostsiedlung an das Ufer der Bucht, um die Neuankömmlinge zu begrüßen und als der Kiel des Windrosses dann knarrend in den Kies rutschte, brach großer Jubel los. Männer und Frauen kamen neugierig näher. Kinder jeden Alters sprangen vergnügt über den Strand und unzählige helfende Hände zogen das Schiff an Land. Als Bjarni seinen Vater Herjulf erblickte wusste er, dass er sein Ziel erreicht hatte. Ja, er war wirklich in Grönland angekommen!