Die Saga von Erik Sigurdsson Band III
"Der Krieg der Könige"
Es war zur Mittagszeit, die Sonne brannte heiß, als Jarl Erik Sigurdsson seine Krieger sammelte, um nach Hlidbeki zu marschieren. Zehn Männer wollte er als Wachen im Lager zurücklassen, mehr nicht. Der größte Teil seiner Mannschaft aber sollte ihm folgen. Er plante zwar keinen Angriff auf die Siedlung, aber um seinen Schwurbruder aus der Sklaverei zu befreien, war er auch bereit Gewalt anzuwenden. Doch zuerst einmal musste er den Isländer finden und er war überzeugt davon, dass Leif noch lebte. Der Stadtherse von Hlidbeki, von dem Erik nun schon soviel gehört hatte, wusste sicher wo der Isländer zu finden war.
Kaum hatten sich die Nordmänner zum Aufbruch gerüstet, da ertönte plötzlich das Signalhorn eines der Wächter, die Erik um die Lichtung verteilt hatte, auf der das Lager errichtet war. Und schon kurz darauf erreichte eine Gruppe berittener Soldaten das Wik[1] der Norweger. Der Anführer der zehn Lanzenreiter schwang sich aus dem Sattel und seine Augen schweiften kurz suchend über die Gesichter der Männer aus dem Norden.
„Wer ist euer Anführer?“ fragte er wenig freundlich.
„Wer bist du?“ fragte nun Ullrik der Sachse barsch zurück. Der Anführer, ein junger Bursche der in feinste Stoffe gekleidet und sicherlich ein Edeling war, wich einen Schritt zurück. Seine zehn Berittenen, waren nicht der beste Schutz, denn mehr als dreißig, grimmig dreinschauende Wikinger standen ihnen gegenüber.
„Wir sind Krieger des Stadthersen von Hlidbeki“, sagte er und fühlte sich plötzlich, gar nicht mehr Wohl in seiner Haut. Er räusperte sich und ihm war, als stecke ein dicker Kloß in seinem Hals.
„Wir sind auf der Suche nach vier Straßenräubern“, sagte er etwas verlegen, denn alle Augen der Nordmänner waren auf ihn gerichtet und er hatte das beklemmende Gefühl, würde er seine Worte nicht sorgsam wählen, so hätte sein letztes Stündlein geschlagen.
Nun trat Jarl Erik vor den jungen Kerl. „Ich bin der Anführer dieser Männer“, sagte er mit finsterem Blick. „Was willst du von uns? Wir sind reisende Kaufleute“, log er frech, denn sein Gefolge sah keineswegs nach friedlichen Handelsfahrern aus und das Schiff auf dem sie fuhren, war auch nicht besonders für den Handel geeignet. Der Edeling beschrieb das Aussehen der Wegelagerer, darunter auch den Alten, dem die rechte Hand fehlte. Er berichtete von der eisenbeschlagenen Ledermanschette, deren schmerzhafte Wirkung er zu spüren bekommen hatte. Unbemerkt von dem jungen Edelmann, wechselten die Nordmänner erstaunte Blicke. Nun ergriff wieder Ullrik das Wort.
„Keiner dieser Männer ist uns begegnet. Wir können dir nicht helfen“, sprach er ruhig, aber bestimmt.
Der Edeling nickte dankend, stieg auf sein Pferd und verließ, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, gefolgt von seinen Soldaten das Lager der Nordmänner.
*
Es waren acht Augenpaare die aus dem Dickicht am Rande des Wikingerlagers beobachteten, wie die Häscher in schnellem ritt, das Lager verließen. Vier Männer saßen versteckt im dichten Buschwerk. Einer von ihnen, der Älteste, hatte Tränen in seinen Augen.
„Das ist Erik Sigurdsson“, flüsterte er mit dunkler, leiser Stimme in nordischer Sprache. Die drei Sachsen sahen sich fragend an, da plötzlich sprang der alte Isländer auf und brach durch das Dickicht. Einige Wikinger erschraken beim unerwarteten Anblick des dicken Olf und zogen ihre Schwerter. Doch der rothaarige Orm erkannte den Isländer sofort. Wie ein spitzer Schrei, entfuhr ihm der Name des alten Freundes. Mit großer Freude lief er auf den, längst für tot gehaltenen Krieger zu. „Olf, du alter Sack“, rief er grinsend.
„Du junger Dachs, willst wohl Prügel?“ kam die prompte Antwort des alten Wikingers und er hob drohend die eiserne Keule. Dann fielen sich die früheren Gefährten in die Arme. Sofort umringten die Männer den Isländer, um ihn freudig zu begrüßen. Als letzter trat Ivar neben seinen Landsmann und einstigen Weggefährten. „Es ist eine große Freude, dich lebend wieder zusehen, Olf“, sagte er mit fast feierlicher Stimme als hielte er eine Predigt. „Der Herr Jesus Christus hat seine Hände wohl schützend über dich gehalten!“
Olf wollte etwas erwidern, doch da traten seine drei sächsischen Gefährten aus dem Unterholz. Jarl Erik sah den Dicken grinsend an. „Ich hörte vor nicht allzu langer Zeit, von vier Wegelagerern, derer ein Edeling aus Hlidbeki habhaft werden will!“
Ullrik trat vor die drei Sachsen und begrüßte diese in seiner Muttersprache. Und auch Jarl Erik hieß die Männer in seinem Lager willkommen. Nun war die Hoffnung groß, auch Leif lebend zu finden, denn von dem dicken Olf hatte kaum einer geglaubt, ihn atmend wieder zu sehen.
*
Es war im Sommer des Jahres 1013 n. Chr. als der Dänenkönig Sveyn Gabelbart erneut mit einem großen Heer, die angelsächsische Stadt Londinium belagerte. Während sein Sohn Knut, der gerade einmal achtzehn Sommer zählte, mit einer zweiten Armee durch die Ländereien König Ethelred II. zog. In diesem Sommer suchte der mächtige König der Dänen die Entscheidung. Großzügige Geschenke, Drohungen oder die Gewalt der Waffen sorgten dafür, das viele Grafen bereit waren, den Dänen als König anzuerkennen. Andere dagegen, setzten sich verbissen zur Wehr und verloren dabei nicht selten den Kopf. So fiel eine Grafschaft nach der anderen in die Hände der Nordmänner. Die Übermacht des Dänen war nun für Ethelred erdrückend. Und die Schatzkammern des Britanniers waren besorgniserregend geleert. Denn die Grafen waren nicht mehr bereit, für ihren Lehnsherrn das Danegeld aufzubringen. Doch Londinium hatte starke Mauern und hielt noch bis zum Spätsommer stand. Erst als Hunger und Krankheiten die Bevölkerung dahinzuraffen drohten, ergab sich die große Stadt in sein Schicksal. König Ethelred und sein Sohn Edmund Ironside, flohen darauf hin in das Frankenreich.
Sveyn Gabelbart der König der Dänen, hatte die Insel der Angelsachsen endlich erobert und auf einem Thing, das er in Londinium abhielt, ließ er sich von den Grafen des Landes huldigen. So wurde er zum König über das Reich der Britannier ausgerufen.
*
Unter strahlend blauem Spätsommerhimmel, saßen die Krieger in ihrem Lager. Sie lachten, flachsten herum und klopften dem dicken Olf auf die Schulter, denn viele von ihnen, kannten den Isländer von früheren Fahrten und waren froh den alten Haudegen lebend wieder zu sehen. Und auch bei den drei Sachsen sparten sie nicht mit Lob.
Die sächsischen Räuber nickten freundlich, obwohl sie kaum ein Wort verstanden, von dem was die Wikinger sprachen. Doch meist übersetzte Ullrik die fremden Worte in ihre Muttersprache.
Der Duft gebratener Kaninchen, die über den Feuern brieten, zog durch das Lager und ein großes Fass Bier wurde herbeigerollt. Immer wieder fragte Erik den dicken Olf nach der unglückseligen Schlacht, in der so viele Freunde den Tod gefunden hatten.
Ranulf, Volkmar und der lange Blonde, hörten den Worten des Isländers aufmerksam zu. Und sie sahen, dass der Dicke sich verändert hatte.
Dass der Einhändige ein harter Knochen war, hatten sie in dem vergangenen Jahr, das er mit ihnen verbrachte, natürlich bemerkt. Aber er war für sie nur der Alte gewesen, den sie aus der Weser gefischt hatten. Nun unter seinesgleichen, erkannten sie in ihm den Wikinger, der bei seinen Leuten in hohem Ansehen stand. Einen Krieger, der schon so manches Leben in eine andere Welt befördert hatte.
Immer wieder fiel bei dem Gespräch der Name Leif, soviel verstand Ranulf. Plötzlich sprang er auf und schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Bei Irminsul[2]“, rief er laut. Die Männer wurden aufmerksam. „Wie ist dir?“ fragte Jarl Erik mit holprigen deutschen Worten.
„Das habe ich ja ganz vergessen“, sprach Ranulf. „Die Flucht aus Hlidbeki. Da vergaß ich es!“ Er setzte sich neben den Jarl, von dem er ja wusste, dass er seine Sprache verstand. „Der Lange und ich zogen durch die Kaschemmen in Hlideki“, begann er zu erzählen. „Ja, richtig“, fiel ihm sein blonder Gefährte, mit der hohen Stirn ins Wort. „Ein besoffener Bauer, berichtete mir von einem Sklaven mit weißem Haar.“
„Das ist Leif!“ rief Ullrik, doch ein strenger Blick des Jarls, hieß in zu Schweigen. „Sprich weiter“, forderte er von dem Langen.
„Er sprach von einem Hof vor den Toren Hlidbekis. Eine grässliche, fette Bäuerin ist dort zuhause.“ Er schüttelte sich angewidert und musste lachen. Da bekam der Lange aber von Ranulf den Ellenbogen in die Rippen, so dass er sofort wieder Ernst wurde und weiter erzählte. „Auf diesem Hof soll ein Sklave leben, auf den die Beschreibung eures Gefährten passen könnte!“
Jarl Erik erhob sich und klopfte, dem vor sich sitzenden blonden Sachsen auf die Schulter. „Das ist eine gute Nachricht“, freute sich der Anführer der Nordmänner. „Ja, eine gute Nachricht!“
Am nächsten Morgen begaben sich der Jarl, sein Steuermann Orm und die beiden Sachsen Ullrik und Ranulf auf den Weg nach Hlidbeki. Erik Sigurdsson wollte kein Aufsehen erregen, denn er hatte die Absicht den Freund und Schwurbruder aus der Sklaverei freizukaufen.
Einen Waffengang mit den hiesigen Herrschern wollte er vermeiden. An Leifs Raubfahrt hatte er ja gesehen, dass mit den sächsischen Landgrafen nicht gut Kirschen essen war.
Die Sonne stand hoch im Zenit und der Schweiß lief den Männern von der Stirn, als sie einen Hof erreichten der nicht weit von der Handelsstraße gelegen war. Doch das Gehöft war verwaist. Keine Menschenseele war zu sehen.
Dennoch, weit konnten die Bewohner nicht sein, da in der Feuerstelle des Hauses, das Ranulf betrat, noch die Glut glimmte. „Keiner im Haus“, rief Ranulf als er wieder aus dem Gebäude heraustrat.
„Wir werden warten!“ entschied Jarl Erik und setzte sich auf eine grob gezimmerte Bank, die neben dem Haupthaus stand. Orm wandte sich ab und trat an den Brunnen, der inmitten des Hofes stand. Er nahm den Eimer vom Rand und versenkte diesen in dem kühlen Nass. Als er den Kübel wieder heraufgezogen hatte, setzte er ihn an den Mund und trank hastig. Danach schüttete er sich den restlichen Inhalt über den Kopf. Nachdem er den Eimer erneut im Brunnen versenkt hatte, brachte er den gefüllten Kübel seinem Jarl. Auch dieser schüttete sich das erfrischende Wasser, über das schwitzende Haupt.
„Und wenn dies der falsche Hof ist?“ fragte der Rothaarige und nahm neben seinem Waffenbruder platz. Jarl Erik zog die Schultern hoch. „Dann suchen wir halt den Nächsten!“
Währenddessen hatten die beiden Sachsen damit begonnen, sich auf dem Hof umzusehen. Es war ihre Räuberseele, die sie dazu trieb nach Brauchbarem zu suchen. In einem Nebengebäude, das alle für einen Stall gehalten hatten, fand Ullrik ein Schlaflager. Einige Strohballen lagen nebeneinander. Darauf lagen eine wollene Decke und ein Kirtel. Er nahm das Kleidungsstück auf und betrachtete es genau. „Zweifelsohne von nordischer Machart“, befand er laut denkend. „Ich glaube hier sind wir richtig!“
Ullrik verließ den Stall und begab sich zu seinen Gefährten. Mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht, warf er dem Jarl den Kirtel zu. Auch Erik betrachtete die wollene Jacke und konnte seine Freude kaum verbergen. Dies war der Kirtel, den der Isländer Leif schon seit vielen Sommern trug. Da war sich der Jarl sicher! Und das Kleidungsstück war ein untrügliches Zeichen dafür, dass Leif Guthrumsson noch unter den Lebenden weilte. Welcher Gott es auch war, er schien es gut zu meinen, mit den Suchenden.
Lange mussten die vier Männer warten. Sie hatten sich gelangweilt und verspürten Hunger, so dass ihre Mägen bald zu knurren begannen. Die Sonne senkte sich auch schon dem Horizont entgegen und endlich erschien in der Ferne ein Wagen auf dem Weg, der zu dem Hof führte. Von einem klapprigen Pferd gezogen und mit frisch geschnittenem Gras beladen, rollte er auf das Gehöft zu. Und es dauerte eine geraume Zeit, bis der Wagen und seine Begleiter endlich ihr Ziel erreichten.
Sieben Personen gingen neben dem Gefährt. Fünf Männer und zwei Frauen und diese staunten nicht schlecht, als sie die vier Fremden bemerkten. Mit strengen Blicken, musterten sie den Jarl und seine Gefährten. Da trat Ullrik der Sachse den Bauern entgegen. „Wer von euch ist der Herr dieses Hofes?“ fragte er freundlich. Ein großer, kräftiger Mann trat vor den Sachsen, doch ehe er etwas sagen konnte begann die ältere der beiden Frauen zu keifen. „Was wollt ihr hier?“ rief das dralle Weib, das wahrlich keine Schönheit war und mit ihrem verfilzten braunen Haar, auf die Männer äußerst abstoßend wirkte. „Für Gesindel gibt es hier nichts zu holen! Also verschwindet!“ Dann wandte sie sich dem anderen Weib zu. Einer jungen Frau, die dem Mädchenalter noch nicht lange entwachsen war. „Steh hier nicht rum, dumme Gans! Geh ins Haus und mach Feuer!“ Die junge Magd verschwand wie ihr befohlen, eilig im Haus. Nun traten auch die anderen Männer aus dem Schatten des großen Heuwagens. Drei von ihnen waren kräftige junge Burschen. Vom Aussehen her sicherlich Brüder und die Söhne des Bauern. Der vierte Mann aber, war schon etwas älter. Sein nackter Oberkörper glänzte vom Schweiß, der in Bächen an ihm herunter lief. Das raue, doch fein geschnittene Gesicht zierte ein weißblonder Bart und sein eben so helles Haar war kurz geschoren, wie es bei Sklaven üblich war. Als seien sie Geistererscheinungen sah er die vier Männer an, die auf den Hof gekommen waren. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Tränen der Freude!
Doch plötzlich bekam er einen heftigen Tritt. „Los spann das Pferd aus!“ befahl einer der jungen Kerle barsch.
Da schnellte Jarl Erik vor, riss den Burschen an der Schulter herum und versetzte ihm einen Hieb, dass dieser in hohem Bogen zu Boden fiel. Sofort wollten sich die beiden anderen Bauernsöhne auf den Jarl stürzen. Doch sie hielten inne, als sie auf die gezogenen Klingen der Fremden starrten.
„Du kläglicher Bauernwurm! Wage es nicht noch einmal, meinen Schwurbruder zu misshandeln“, drohte der Jarl in nordischer Sprache. Der Bauer sah den Krieger fragend an, denn er verstand kein Wort. „Mein Jarl will damit sagen“, sprach nun Ullrik frech grinsend und so, das ihn der Bauer verstand. „Solltest du den Mann noch einmal schlagen, könnte dies dein schnelles Ende bedeuten!“
Der Anführer der Fremden sah die Bauern herausfordernd an und zeigte mit dem Finger auf jeden von ihnen. Erik war äußerst erbost, bei der Vorstellung welche Schmach Leif in dem letzten Jahr hatte erleiden müssen. Da begann das Weib wieder zu keifen. Doch dieses Mal fuhr ihr der Bauer über das Maul. „Schweig Weib! Oder willst du, das diese Männer uns mit ihren Schwertern in Stücke schlagen?“ Er hatte längst begriffen, dass diese Krieger Gefährten seines Sklaven waren und sie sich in größter Gefahr befanden.
„Mein Jarl ist bereit, dir den Sklaven abzukaufen“, sagte Ullrik ruhig. „Er wird dir einen guten Preis zahlen, damit du keinen Nachteil hast. Sagen wir, das doppelte der Kaufsumme, die du zahltest. So hast du keinen noch Gewinn gemacht!“
„Hörst du Weib. Das Doppelte will er zahlen“, sprach der Bauer zu seinem Weib, das sich beleidigt abgewandt hatte.
„Das Doppelte, für einen alten Sklaven!“
„Das ist doch ein gutes Geschäft“, versuchte der Bauer dem herrischen Weib den Handel schmackhaft zu machen. Doch die Bäuerin blieb stur. „Nein sage ich!“ rief sie aufbrausend. „Lieber schlage ich den Taugenichts mit eigenen Händen tot, ehe ich ihn diesen Kerlen überlasse!“
Da traten, mit Heuforken in den Händen, die drei Söhne neben den Bauern. „Ihr habt meine Mutter gehört! Also verschwindet“, befahl der älteste Sohn drohend.
In diesem Moment blitzte die blank polierte Klinge eines Schwertes in der Sonne und der älteste Bauernsohn fiel, gefällt wie ein Baum, blutend in den Staub.
Ranulf der Wegelagerer, hatte den Burschen ohne zu zögern mit einem kräftigen Hieb niedergestreckt. Das Weib schrie auf und die Männer ihrer Sippe sahen erschrocken und entsetzt, auf den Sterbenden zu ihren Füßen. Doch der Schreck währte nur kurz. Mutig und voller Wut hoben die beiden anderen Söhne des Bauern ihre Forken und stachen nach dem Sachsen. Sofort sprang Ullrik dem Straßenräuber zur Seite. Und auch Erik, riss sein Schwert Kehlenbeißer aus dem Wehrgehäng. Wutentbrannt stieß er dem bulligen Bauern die scharfe Klinge in den Bauch, so dass dieser auf der Stelle starb. Die beiden Bauernburschen hatten den geübten Kriegern wenig entgegen zu setzten. Schnell waren die hölzernen Forken von den scharfen Schwertern zerschlagen, ehe dann die Knochen barsten, entsetzliche Schreie über den Hof hallten und Blut in den Sand sickerte. In einem kurzen Augenblick, war die Bauernfamilie der Wut der Wikinger zum Opfer gefallen. Nur das Weib stand noch auf ihren Füßen. Schreiend und stocksteif hatte sie ihren Mann und die Söhne sterben sehen. Plötzlich wandte sie sich um und suchte ihr Heil in der Flucht. Da trat Leif Guthrumsson neben einen seiner toten Peiniger, hob die Forke des ältesten Bauernsohnes auf und zielsicher wie ein Speer, fand der Dreizack sein Opfer. Tödlich getroffen sank das grässliche Weib in den Staub. Verächtlich spuckte der Isländer auf den Boden und wandte sich dann den Freunden zu.
Voller Wiedersehensfreude und glücklich der Sklaverei entronnen zu sein, umarmte er seinen Schwurbruder Erik.
„Ich habe schon geglaubt, hier den Rest meiner Tage fristen zu müssen“, sprach er tief bewegt und der einst so stolze Krieger hatte Tränen in seinen Augen. Jarl Erik fand einen Moment keine Worte und musste kräftig schlucken. Da trat Orm hinzu und auch er umarmte den Isländer herzlich. So wie es auch Ullrik tat. Plötzlich unterbrach die Stimme, des zweiten Sachsen die Begrüßung der Männer.
„Ich will eure Freude nicht trüben, aber wir sollten diesen Ort verlassen“, sprach Ranulf, während er die Klinge seines Saxes[3] an der Kleidung eines Toten reinigte, um es dann in sein Wehrgehäng gleiten zu lassen.
„Der Sachse hat Recht! Nach der Sauerei die wir auf dem Hof angerichtet haben, verschwinden wir besser von hier“, stimmte Erik den Worten Ranulfs zu. Da trat Leif neben den Leichnam des bulligen Bauern. Er kniete nieder und schloss dem Toten, die starr in den Himmel blickenden Augen. „Möge der Herr Christus dir deine guten Taten vergelten. Die Sklaverei ist nun beendet. Für uns beide!“ Der Isländer bekreuzigte sich und stand auf. Fragend sahen sich die Nordmänner an, doch keiner richtete das Wort an Leif. Dann verließen sie den Hof und machten sich auf den Weg in ihr Lager.
Leise knarrend, öffnete sich die Tür der Hütte. Langsam trat die junge Magd auf den Hof. Ihr ganzer Körper zitterte und Tränen liefen über ihr junges Gesicht.
*
Ruhig lag das Lager der Nordmänner in der Morgensonne. Die Feuchtigkeit der Nacht, wabberte noch als dünner Nebel über den Boden und sollte alsbald, von den wärmenden Strahlen der Sonne aufgesogen werden. Es würde sicherlich ein schöner, warmer Sommertag werden.
Vereinzelt brannten schon wieder die Lagerfeuer, die in der Nacht erloschen waren. Männer saßen davor und fütterten die Flammen mit Holzscheiten, das es nur so knackte und qualmte. Einige wenige Nordmänner waren in die kalten Fluten der Weser gesprungen. Andere beließen es bei einer Katzenwäsche am Ufer des Flusses.
Mehr und mehr Krieger krochen nun aus ihren Zelten und streckten ihre klammen Glieder. Plötzlich traten fünf Männer aus dem Unterholz des Waldes und gingen geradewegs in das Lager. Keine der Wachen hatte sie bemerkt, worüber Jarl Erik später noch sehr erzürnt war.
Die halbe Nacht waren sie marschiert, hatten die Straße nach Minden verlassen und den Weg durch den Wald gewählt. Im Schutz von dichtem Buschwerk hatten sie geruht, um bei Sonnenaufgang ihren Weg fortzusetzen. Nun waren sie endlich im Lager der Nordmänner angekommen. Und die Freude war groß als sie sahen, dass Jarl Erik wirklich den weißblonden Isländer mit sich brachte. Ivar der Priester umarmte seinen Bruder Leif hoch beglückt und als Olf der Dicke aus einem der Zelte trat, glaubte Leif zu träumen. Sein Waffenbruder seit vielen Sommern! Er lebte! Er selbst hatte doch den Dicken in den Fluten der Weser versinken sehen. Voller Wiedersehensfreude fielen sich die Männer in die Arme.
Viel gab es zu berichten und jeder musste erzählen, wie es ihm ergangen war. Olf berichtete von seiner Rettung durch die drei Sachsen. Leif von der Zeit in der Sklaverei.
Und endlich brachte man dem Geretteten frische Kleidung, die dieser dankend entgegen nahm. Da zog Ullrik den Kirtel hervor, den er in dem Stall gefunden hatte und reichte ihn dem Isländer. Erstaunt sah Leif das verschlissene Kleidungsstück an, schüttelte mit dem Kopf und warf dieses schweigend in die Flammen einer Feuerstelle.
Nun saßen sie vergnügt um eines der Feuer, sprachen und stärkten sich mit einer Grütze, als sich Olf erhob und in einem der Zelte verschwand. Als er wieder erschien hielt er ein Schwert in seiner Hand, das er seinem Waffenbruder Leif reichte. Dieser traute seinen Augen kaum.
„Das ist ja mein Wundwolf“, sprach er entzückt. Niemals hätte Leif daran geglaubt sein kostbares Schwert, das ihn so viele Sommer begleitet hatte, je wieder in seinen Händen zu halten. Und der Dicke musste berichten, wie er in den Besitz der Waffe kam.
*
Hoch im Norden, war der Sommer bereits dem Herbst gewichen. Kalter Wind wehte, graue Wolken zogen schnell über den Himmel und es regnete unaufhörlich.
Das Laub der Bäume färbte sich in allerlei bunten Farben und fiel dann zu Boden. Und es gab auch schon des Nachts die ersten Fröste, die die Wiesen mit Reif überzogen.
Sigurd Eriksson tat nur noch widerwillig seine Arbeit. Er war mürrisch und stritt viel mit der Gundis. Als Herrin des Hofes, wies sie ihn oft zurecht. Jetzt da Sigurd älter wurde, fast schon ein Mann war, ließ sie ihn spüren, dass er nicht ihr Sohn war. Das er das Kind einer anderen war, die sie hasste. Der Sohn der Asa, des ersten Weibes Jarl Eriks! Und in den Augen des Jarls auch sein Erbe und der zukünftige Herr über den Sigurdfjord. Seit sechs Sommern war Gundis nun das Weib des Jarls, nachdem er Asa auf tragische Weise verloren hatte.
Einst als junge Hure aus Brimun geraubt, hatte sie nun ihr Ziel erreicht, Jarlsgattin zu werden. Dafür hatte sie gekämpft. Mit allen Mitteln die ihr zur Verfügung standen. Gewalt, Verrat, Hinterlist und natürlich ihrer Schönheit.
Dies alles war nun schon lange Vergangenheit. Sie glaubte ihr dunkles Geheimnis gut gewahrt und hatte alle Mitwisser beseitigt. Nur ein Mensch wusste noch von ihren Taten und dieser hatte bis zum heutigen Tage geschwiegen, da sie dem Jarl wie sie es versprochen hatte, ein gutes Weib gewesen war. Sie liebte Erik Sigurdsson wirklich, dies stand außer Frage. Von dem ersten Tag an, an dem sie sich in Brimun begegnet waren und er für sie gekämpft hatte, liebte sie ihn.
Doch nun kam in ihr wieder der Wille auf, auch das letzte Ziel ihres einst gefassten Planes zu erreichen. Ihr Sohn Ari sollte als der Erstgeborene, einmal der Erbe des Erik werden und als Jarl über dem Gau hoch im Norden herrschen.
Wieder einmal hatten der junge Sigurd und die Jarlsgattin heftig gestritten, so wie sie es oft taten, seit Erik auf Raubfahrt gegangen war. Da fasste der Sohn des Fjordfürsten den Entschluss Sigurdswik zu verlassen und nicht eher wollte er heimkehren, bis dieses Weib verschwunden war. Nach Oppland wollte er gehen, um sich Olaf Haraldsson anzuschließen, der den jungen Jarlssohn tief beeindruckt hatte. Ein Mann der trotz seiner Jugend schon ein großer Krieger war, das Ziel vor Augen einmal als König über ein christliches Norwegen zu herrschen. Ja, dies alles gefiel dem Jarlssohn sehr. In seinem Gefolge würde Sigurd selbst ein großer Krieger werden. Vielleicht sogar einmal ein Hauptmann oder Marschall am Hofe des Königs.
Sigurd begab sich zur Hütte Thorkill Ormssons, dem er seit Kindesbeinen tief verbunden war. Der ihn all die Jahre wie einen Enkel behandelt hatte.
„Thorkill! Mein Großvater!“ sprach er, als er vor den nun schon greis gewordenen Schmied trat. Der Alte grüsste den jungen Burschen erfreut und Sigurd nahm, nicht ohne den Mann zu umarmen, neben Thorkill platz. Der Podest, auf dem Thorkill saß, war mit dicken Fellen gepolstert, damit es der Alte recht bequem hatte. Thorkill genoss sowieso eine besondere Behandlung. Das hatte Jarl Erik so befohlen!
„Bin ich ein Knabe oder bin ich ein Mann?“
Thorkill sah Sigurd erstaunt an und begann dann zu lächeln. „Es grämt dich also immer noch, dass Erik ohne dich auf Raubfahrt ging“, sprach der Alte und Sigurd nickte.
„Ich bin kein Kind mehr! Das Schwert führe ich ebenso gut wie Ari. Und Erik selbst fuhr auch mit fünfzehn Sommern in die Schlacht!“
„Deine Zeit wird kommen und du wirst einmal ein großer Kämpfer werden“, versuchte der ergraute Krieger, den jungen Burschen zu trösten. „Thorkill, versteh doch! Ich bin kein Bauer und auch kein Kaufmann“, sprach Sigurd traurig und der Alte begann zu grinsen, denn diese Worte hatte er vor vielen Sommern auch schon von Erik gehört. Ja, Vater und Sohn waren sich sehr ähnlich, das hatte Thorkill in den letzten Jahren wohl erkannt. „Außerdem verleidet mir das Weib meines Vaters das Leben hier! Sie behandelt mich wie einen Knecht oder einen Sklaven, nicht wie den Sohn eines Jarls!“ klagte der Bursche voller Zorn. Nun sah Thorkill den jungen Sigurd erstaunt an. „Sie behandelt dich wie einen Knecht oder einen Sklaven, sagst du!“ Böse schaute der Schmied nun drein, als er die Worte vernahm. Er legte seine gichtige Hand auf die Schulter des Jungen. „Mach dir keine Sorgen, Sigurd. Das Weib überlass nur mir!“
Fragend sah der Jarlssohn den Alten an, doch dieser erhob sich und trat an eine große Truhe, die an der Wand der Hütte stand. Umständlich öffnete er mit seinen knorrigen Fingern das Schloss und hob den Deckel mit den kunstvollen Eisenbeschlägen. Dann griff er in den fein verzierten Kasten und beförderte ein Schwert hervor.
„Dies ist der Knochenspalter“, sagte er mit Stolz in der Stimme. „Vor einigen Sommern, als meine Hände noch taten was ich wollte, schmiedete ich dieses Schwert für meinen Sohn Orm!“ Er reichte die Waffe dem Jüngling. „Orm besitzt aber bereits ein gutes Schwert. Also sollst du es haben!“
„Oh, Thorkill! Dies ist ein wunderbares Schwert!“ Sigurd war überwältigt von dem Geschenk des Alten und voller Freude wiegte er die Klinge in der Hand. Sie war leicht wie eine Feder. So wie alle besonderen Schwerter, die Thorkill geschmiedet hatte. Ja, einst war er ein Meister in dieser Kunst.
„Nun geh und mach deine Arbeit, Sigurd!“
Der junge Bursche nickte, doch er zögerte einen Moment als wolle er noch etwas sagen, verließ dann aber schweigend die Hütte des Schmiedes. Thorkill sah dem Jarlssohn nach, als er durch die Pforte schritt und eine Träne lief dem Alten über das faltige Gesicht, denn er ahnte, das er Sigurd nicht wieder sehen würde.
*
Die Sonne stand hoch im Zenit. Die meisten Krieger Jarl Eriks waren mit den Vorbereitungen für die Abreise beschäftigt, als einer der Wachposten in das Lager gelaufen kam und eine Schar berittener Krieger ankündigte. Es blieb den Nordmännern gerade noch genug Zeit, um nach Schwert und Schild zu greifen, da erreichten die sächsischen Soldaten auch schon das Lager. Ranulf beugte sich dem Ullrik entgegen, deutete auf das Wappen, welches das Wams der Berittenen zierte und stellte fest. „Das sind keine Krieger des Landgrafen von Minden!“ Der war der Herr dieses Landes, auf dem sie ihr Lager errichtet hatten.
Ein Mann in kostbarem Rüstzeug führte die Soldaten an. Neben ihm ritt ein junger Bursche, dessen Kleidung ebenfalls von hoher Geburt zeugte und ihnen folgten mehr als dreißig Lanzenreiter.
Die sächsischen Reiter zügelten ihre Pferde vor einer Gruppe nordischer Krieger, zu denen auch der Jarl gehörte und die den Ankommenden, den Weg in das Lager versperrten.
„Ich bin Widumar!“ rief der Anführer der Sachsen hochmütig und erwartete wohl, das sein Name den Fremden Respekt einflößen würde. Jarl Erik trat vor.
„Ich bin Jarl Erik Sigurdsson!“ nannte auch er seinen Namen in sächsischer Sprache, doch der Herse schenkte ihm keine Beachtung. Stattdessen richtete er sich im Sattel auf, um die Schar der Fremden besser überblicken zu können.
Plötzlich fiel sein Augenmerk auf den Mann mit den weißblonden Haaren. Wie der Adler das Kaninchen, starrte er den Isländer an und wandte sich dann seinem jungen Begleiter zu. „Wie ich sehe, haben wir gefunden, wonach wir suchen!“ Der Bursche nickte nur grinsend, denn er fühlte sich gut beschützt, von der Schar der berittenen Krieger.
„Dieser Mann dort“, er zeigte auf Leif Guthrumsson, „ist ein entlaufener Sklave! Um ihn zu befreien, habt ihr eine Bauernfamilie niedergemacht! Elende Höllenbrut!“
„Bauern die mir gehörten und die mir Abgaben leisteten!“ rief er mit drohender Stimme. „Eine Magd, die ihr in eurer Blutgier übersehen habt, brachte die Kunde von eurem Überfall nach Hlidbeki!“
Plötzlich rief der junge Edeling in höchster Erregung. „Da der Alte mit der Ledermanschette! Er war einer der Kerle, die mich überfielen!“ Nun sah er sich genauer um. „Und der da! Und der auch! Und der Glatzkopf!“ Nacheinander zeigte er auf die drei Sachsen, die zwischen den Nordmännern standen. Ranulf sah den Langen mit ernstem Blick an, der auf seinen Speer gestützt, neben ihm stand. Er fuhr sich mit der Hand durch den Bart und legte diese dann langsam auf den Griff seines Schwertes.
„Ich glaube hier gibt es nichts mehr zu reden. Gleich werden die Waffen sprechen“, flüsterte er leise. Der lange Blonde nickte nur und trat aus der Menge der Nordmänner heraus.
„Ich versprach dir einmal, wenn wir uns ein drittes Mal begegnen, würde dies deinen Tot bedeuten“, seine Stimme klang böse und entschlossen. „Nun ist der Tag gekommen, Freundchen!“ Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, schleuderte er seinen Speer und die eiserne Spitze der Waffe, bohrte sich tief in die Brust des Edelings. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er auf die Lanze, die nun aus seinem Körper ragte. Dann wandte er seinen Blick dem Hersen zu und sank langsam aus dem Sattel. Sterbend fiel er hart auf den trockenen, staubigen Waldboden.
Nach einem kurzen Moment des Schreckens, war der Herse wieder Herr seiner Sinne und wollte den Befehl zum Angriff geben. Doch sein Ruf wurde zu einem gellenden Schmerzensschrei.
Leif Guthrumsson hatte mit seinem Schwert Wundwolf, nach dem Sklavenfänger geschlagen und der Hieb traf Widumar am Arm. Die scharfe Klinge hatte das Kettenhemd durchschlagen und war bis auf den Knochen in das Fleisch gedrungen, so dass aus der tiefen Wunde das Blut hervorquoll. Der getroffene Arm hing nur noch schlaff am Körper herab. Ein lauter Ruf Jarl Eriks erschallte und seine Nordmänner griffen die Feinde an.
Nun versuchten die sächsischen Lanzenreiter, die in vorderster Reihe standen, ihre Pferde anzutreiben, um die Feinde niederzutrampeln. Doch die anstürmenden Wikinger und auch die Enge der Lichtung, auf der das Lager errichtet war, nahmen ihnen den Vorteil den ihre Pferde boten. So blieb ihnen nichts anderes übrig, als mit den Lanzen nach den Angreifern zu stechen. Da aber griffen unzählige Hände nach den Zügeln und die Pferde wurden zu Boden gerissen, so dass ihre Reiter aus den Sätteln fielen, wie faules Obst von einem Baum. Sofort schlugen und stachen die Nordmänner auf die gefallenen Soldaten ein. Aber auch einigen Kriegern des Norwegerjarls, waren die Lanzen der Kämpfer von Hlidbeki zum Verhängnis geworden oder sie wurden von den auf die Lichtung drängenden Reitern nieder geritten.
Widumar der Herse hatte sich hinter die Linie seiner Reiter zurückgezogen, bevor ihm Leif den Todesstoß versetzen konnte. Doch die Schmach der verlorenen Schlacht und der Sklaverei war groß, die der Herse dem Isländer zugefügt hatte. Und Leif wollte Rache nehmen, an diesem Mann.
Einige der Nordmänner hatten sich, so wie der lange blonde Sachse, mit Speeren bewaffnet und versuchten nun die Reiter von ihren Pferden zu stechen.
Im ganzen Lager wurde jetzt gekämpft, denn die Soldaten des Hersen wollten die Wikinger an das Ufer der Weser zurückdrängen. Immer mehr Berittenen gelang es nun in das Lager einzudringen, wo sie von den Kriegern aus dem Norden in todbringenden Empfang genommen wurden.
Die Axt Olf des Dicken schlug fürchterliche Wunden und spaltete so manchen Schädel. Und auch die eiserne Keule des Isländers, war eine gefährliche Waffe. Sogar die Pferde der Soldaten, zwang er mit ihr auf den Boden. Die drei Sachsen sahen verwundert wie der Mann, den sie nur den Alten nannten, in den Reihen der Wikinger zu kämpfen wusste. Sie hatten ihm, bei ihren Überfällen niemals Mutlosigkeit oder gar Feigheit vorgeworfen. Auch wenn er sich oft zurückhielt. Nun aber sahen sie den Mann in einer Schlacht kämpfen und sie mussten ihm ihre Hochachtung zollen.
Viele Soldaten hatten bereits ihre Pferde und Lanzen verloren und stritten nun mit gezogenem Schwert gegen die Wikinger.
„Ich will den Hersen! Ich will Widumar!“ rief Leif seinem Schwurbruder Erik zu. Dieser nickte nur, denn er erwehrte sich mit Schwert und Schild gegen die Lanze eines Sachsenreiters. Geschickt wich er der spitzen Waffe aus, tauchte unter dem Kopf des Pferdes hindurch an die Flanke des Tieres. Mit einem kräftigen Hieb, schlug er dem Reiter den Kehlenbeißer in das Bein, so dass dieses nur noch von einigen Sehnen am Körper gehalten wurde. Der Mann schrie auf und ließ seine Lanze fallen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht riss er die Zügel herum, wollte das Pferd antreiben um den Jarl niederzutrampeln. Doch Erik ließ dem Angreifer dazu keine Gelegenheit mehr, stach sofort mit dem Schwert zu und die scharfe Klinge fuhr dem Reiter in den Bauch.
Leif hatte sich bis an den Rand des Lagers gekämpft. Gemeinsam mit Ullrik und einem weiteren Krieger, verschwand er nun im Unterholz. Sie liefen in einem Bogen, durch den Wald und kamen so wieder auf den Weg, der zum Lager führte. Nun befanden sie sich aber hinter dem Widumar, der sich mit zwei Soldaten zurückgezogen hatte und aus sicherer Entfernung den Kampf beobachtete. Vorsichtig näherten sie sich dem Anführer, der seine Befehle rief und mit ansehen musste wie ein Reiter nach dem anderen zu Tode kam. Der Isländer fasste Ullrik bei der Schulter. „Ich will ihn lebend“, flüsterte er und der flachsblonde Sachse nickte. Näher und näher schlichen sie unbemerkt an den Hersen heran. Dann stürmte Ullrik, mit einem gellenden Kriegsschrei dem Widumar entgegen und schlug mit dem langen Schaft seines Speeres so hart zu, dass es den Hersen aus dem Sattel hob. Bewusstlos fiel der Edelmann in den Staub. Nun erst bemerkten die beiden Soldaten den Angriff und senkten ihre Lanzen. Doch da hatte sich der Speer auch schon tief in die Brust des einen Reiters gebohrt.
Angsterfüllt riss der zweite Soldat die Zügel seines Pferdes herum und floh in gestrecktem Galopp vom Schlachtfeld. Rasch nahmen die Nordmänner den bewusstlosen Hersen und verschwanden mit ihm im Unterholz des Waldes.
Längst hatten die Wikinger in der Schlacht die Oberhand gewonnen. Und als der Hauptmann der Lanzenreiter sah, dass sein Herr verschwunden war, glaubte er der Herse sei geflohen. Sofort gab er den Befehl zum Rückzug.
Als der letzte sächsische Soldat das Lager verlassen hatte, begannen die Nordmänner damit ihre Verwundeten zu versorgen. Die wenigen Verletzten des Feindes erschlugen sie kurzerhand und warfen sie in den Fluss.
Sofort brachen sie ihr Lager ab, doch bevor sie den Ort verließen, errichteten sie einen Scheiterhaufen auf dem sie die Toten verbrannten. Dann begaben sich die Nordmänner an das Ufer der Weser, wo bereits der Wogenbeißer in den Fluten dümpelte. Die meisten Männer waren bereits an Bord, da trat Leif vor seinen Schwurbruder Erik. Er grinste frech von einem Ohr zum anderen.
„Was grinst du so?“ fragte der Jarl. „Es gibt keinen Grund für dich, der Herse ist geflohen!“
„Oh nein, mein Bruder“, sagte der Isländer stolz und pfiff durch die Finger. Da traten Ullrik und der zweite Nordmann aus dem Wald. In ihrer Mitte hielten sie Widumar.
Der Herse hatte sein Bewusstsein zurückerlangt und sein verletzter Arm war versorgt worden, so dass er nicht an dem Blutverlust sterben konnte. Nun hatten sie ihm die Arme gebunden. Anfangs schimpfte und fluchte der Gefangene, wie ein Rohrspatz. Riss an den Fesseln, die so nur tiefer in sein Fleisch schnitten.
„Elende Heidenbrut“, rief er, das sich seine Stimme überschlug. „Lucifer, der Gehörnte soll euch holen!“
Da trat Ivar in der Kutte des Priesters vor den Hersen von Hlidbeki. „Wir sind Christen, so wie du einer bist. Und wie du siehst, stehen wir dir in nichts nach!“ sagte er in der Sprache der Mönche und setzte voraus, das der Herse des Lateinischen mächtig war.
Der Gefangene sah den Priester fragend an, denn er verstand die lateinische Sprache nicht, doch war er erstaunt einen Gottesmann in den Reihen der Wikinger anzutreffen.
„Was machen wir nun mit dem Kerl?“ fragte Ullrik seinen Jarl. Olf der Dicke und die drei Sachsen waren hinzugetreten. „Schneiden wir dem Hundsfott den Hals durch und ab in den Fluss mit ihm!“
Jarl Erik zog unschlüssig die Schultern hoch und nickte Leif zu. „Es ist sein Gefangener. Leif soll entscheiden!“
„Willst du ihn töten?“ fragte er den Isländer.
„Oh, nein! Ich denke da an etwas anderes!“ tat Leif geheimnisvoll.
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